2. Staffel der FuP Immo-Novela:
„Der (Bau-)Stoff, aus dem die Träume sind“

Teil I: Tischmanieren

Der Anruf erreichte mich irgendwann im Frühjahr 2002. Er kam vom Redakteur einer großen deutschen Boulevard-Zeitung, mit dem ich zwei Jahre vorher wegen der Sachsenbau in Chemnitz zu tun hatte. Eine Aktiengesellschaft sei in ernsthaften Schwierigkeiten und brauche Krisen-PR. Der Vorstandsvorsitzende sei sein Nachbar. Ob ich Zeit hätte und helfen könne. Ich hatte Zeit und wollte helfen.

Einen Tag später saß ich mit dem kompletten Vorstand des Unternehmens in Berlin beim Abendessen im Restaurant des Reichstags unter der Glaskuppel. Offenkundig wollten sie mir in diesem edlen Rahmen auf den Zahn fühlen. Und dabei ging es nicht um meine Tischmanieren. Der sympathische Vorstandsvorsitzende, ein jugendlich wirkender Mann um die 40 mit dunklem, leicht gewelltem Haar, das ihm beim Sprechen immer in die Stirn fiel, erklärte mir die Lage. Ich hörte ohne Zwischenfragen aufmerksam zu.

Bei dem Unternehmen handelte es sich um einen rasant gewachsenen Baustoffhändler mit zahlreichen Niederlassungen in ganz Deutschland. Das Unternehmen war wegen der lahmenden Baukonjunktur ins Trudeln geraten und die wichtigsten der rund 200 Geschäftsbanken hatten den Geldhahn zugedreht, sprich, die Kreditlinien blockiert. Wochenlange Verhandlungen waren erfolglos geblieben. Obwohl die meisten Banken bereit waren, die Aktiengesellschaft weiterhin mit Geld zu versorgen, und obgleich ein Gutachten dem Unternehmen eine positive wirtschaftliche Prognose ausstellte, blieben die Konsortialführer bei ihrem Nein.

Über die Hintergründe des Verhaltens der Banken kann ich nur spekulieren. Offiziell erklärten sie, sie hätten angesichts der Krise am Bau das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Baustoffhändlers verloren. Weniger wohlmeinende Stimmen sprachen von einem Exempel, mit dem die Banken anderen Schuldnern gleichsam die Instrumente zeigen wollten, um diese Schuldner vor wirtschaftlichen Abenteuern zu warnen. Das Risiko der Banken, selbst große Verluste hinzunehmen war übrigens überschaubar, hatten die Geldinstitute doch einen großen Teil der Kredite in Form von Industrieanleihen ausgereicht und diese Anleihen an ihre Kunden weitergereicht. Das Risiko lag also weit gestreut bei tausenden von Anlegern, die bei einer Insolvenz die Zeche zahlen mussten.

Warum brauchte das Unternehmen meine Unterstützung? Weil es mit Medien bisher kaum zu tun gehabt hatte und weil es keinen Pressesprecher gab. Die selbstgeschriebenen Pressemitteilungen über die Eröffnung einer neuen Filiale und Ähnliches reichte jemand aus dem Vorstand an die Fachmedien weiter und um die vorgeschriebenen Ad Hoc-Meldungen kümmerte sich ein juristisch erfahrener Prokurist. Ansonsten gehörte das Unternehmen nicht zu den Aktiengesellschaften, die dem Handelsblatt oder der Börsenzeitung wichtig erschienen.

Jetzt aber war es plötzlich Viertel vor 12. Ein Zeitpunkt, zu dem auch die beste Krisen-PR nichts mehr hätte verhindern können. Doch das war auch nicht das Ziel des Vorstandes. Der Vorstand wollte vor allem erreichen, dass ein möglichst großer Teil der Aktiengesellschaft erhalten bleibt und damit auch möglichst viele der Niederlassungen. Dabei ging es dem Vorstand nach eigenen Worten auch immer darum, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.

Was hätten Sie als PR-Berater getan? Was ich getan habe und wie es weiter ging, lesen Sie im nächsten Teil unserer zweiten Immo-Novela „Der (Bau-)Stoff, aus dem die Träume sind“.

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