Japaner küsst man nicht

Demonstration

Wir lernen heute, dass im internationalen Geschäft die Kultur des Geschäftspartners respektiert werden sollte, will man ein Geschäft erfolgreich abschließen. Wir vergessen darüber leider häufig, dass dies überall gilt, auch an der ALDI-Kasse, in der U-Bahn oder in der Familie. Höflichkeit und Respekt hat noch nie geschadet. Das Gegenteil schon.

Prof. Dr. Martin Wentz, langjähriger Planungs- und Baudezernent in Frankfurt und heutiger Projektentwickler hat der Immobilien-Zeitung dazu in der Ausgabe vom 7. März 2013 ein kluges Interview gegeben. Dabei geht es um das unterschiedliche Verständnis von Entwicklern, Händlern und Architekten auf der einen Seite und Mitarbeitern der Verwaltung auf der anderen Seite sowie um den nötigen Respekt voreinander. Wo die Unternehmer an Wirtschaftlichkeit und Rendite denken, sprechen die Mitarbeiter der Bauverwaltung von Gemeinwohl und dem Abwägen unterschiedlicher Belange.

Völlig undenkbar wäre es, wenn Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung von einem Unternehmer zum Essen oder zum Golfen eingeladen würden. Sie – die Verwalter – würden dadurch in Verlegenheit gebracht. Im Zweifelsfalle sogar mehr als das. In Zeiten verschärfter Compliance-Regeln hat eine solche, vielleicht ganz harmlose, Verbindung, ja stets auch eine rechtliche Seite. Mir wurden aus diesem Grund schon Weihnachtsgeschenke von geringem Geldwert zurückgeschickt, aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Interview von Martin Wentz. Das Spannungsfeld zwischen dem wirtschaftlich orientierten Immobilienunternehmer und dem gemeinwohlorientierten Verwalter wird inzwischen immer häufiger durch ein drittes Element geprägt: den selbstbewussten Bürger. Das von Martin Wentz ganz in die Hände des Verwaltungsangestellten oder des Beamten gegebene Gemeinwohl hat längst Beine bekommen, und eine manchmal gut hörbare Stimme dazu. Auch die sollte man respektieren.

Bei Aristoteles bezog sich das Gemeinwohl auf die Polis, also die Stadt als den im antiken Griechenland typischen Staatsverband. Gemeint waren damit die wohlhabenden Bürger. Heute ist Einkommen und Status nach wie vor eine wichtige, nicht aber die unabdingbare Voraussetzung, in der Polis Gehör zu finden. Jeder kann sich mit einem Transparent vor eine Baustelle stellen, jeder kann in der Bürgersprechstunde im städtischen Ausschuss seine Meinung sagen, jeder kann einen Leserbrief schreiben und jeder kann in sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung gegen ein Immobilienunternehmen oder ein Bauprojekt auslösen. Die Beispiele kennen Sie.

Wenn also das Gemeinwohl Beine bekommen hat, es als anrüchig oder unredlich gilt, seine Interessen beim Golfen zu vertreten oder zu einem guten Essen einzuladen, dann reicht es nicht mehr, sich nur in den Amtsstuben artig und der Etikette entsprechend aufzuführen. Dann muss man auch dem bisweilen murrenden Bürger Gehör schenken. Es ist, wie es ist. Das Leben des Immobilienunternehmers ist komplizierter geworden. Aber wie sagen wir Marketing- und Kommunikationsleute immer so gerne: es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen.

Herzlichst, Ihr

Detlef Hans Franke

P.S.: „Japaner küsst man nicht“ titelte die Frankfurter Neue Presse am 20. März 2013 ihren Bericht über die bis 1. September laufende Sonderausstellung „Störfälle der weltweiten Verständigung“ im Frankfurter Museum für Kommunikation.

Kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>